Ich habe lange überlegt, ob ich zu dieser unglaublichen Katastrophe, die knapp 200 Meter von meinem Elternhaus entfernt geschehen ist, etwas schreiben soll…
Ja, ich war da. Mir geht es gut. Aber ich kann immer noch nicht begreifen, warum so etwas passieren musste.
Ich bin gegen ca. 14 Uhr zusammen mit 5 weiteren Freunden in Duissern losgelaufen, um zur Loveparade zu gehen. Mal schauen, was da so los ist und mir die ganzen bunten, durchgenallten Typen anschauen, dachte ich mir.
Ich hatte mich im Gegensatz zu meinen Freunden kein Bißchen über die Veranstaltung im Vorfeld informiert. Es hatte mich einfach nicht interessiert.
Umso verwunderter war ich, als wir am Bahnhof ankamen und gar nicht auf direktem Wege zum Gelände kamen. Es hat mich zu dem Zeitpunkt einfach genervt, den langen Weg durch die Innenstadt nehmen zu müssen, was eigentlich aber keine doofe Idee war, da sich die Menschenmassen auf dem Weg zum Gelände etwas “verteilt” haben. Niemals hätte ich mit so vielen Menschen gerechnet.
Auf dem Weg zur Karl-Lehr-Straß mussten wir immer wieder vor Absperrungen stehen bleiben und warten. Auch das macht absolut Sinn, da man die Leute schon Kilometer vorher “gebremst” hat und dadurch verhindert werden sollte, dass sich die ganzen Masse am Eingang staut.
WAS allerdings schon zu dem Zeitpunkt absolut fatal war, war dass es keinerlei Durchsagen oder Erklärung für den Stopp gab. Schon bei der ersten Absperrung drängten die Leute vorwärts und wollten wissen, warum es nicht weiter geht. Hätte man einmal eine Durchsage gemacht, dass man in ein paar Minuten weiterkommt, hätten die Leute sicherlich nicht so gedrängt, sondern einfach abgewartet, dass es weitergeht. Die Stimmung war nämlich grundsätzlich sehr friedlich und entspannt.
Was mich zu dem Zeitpunkt schon verwunderte war, dass Rettungswagen immer wieder durch die Menschenmenge fuhren um zum Festivalgelände zu kommen. Ich dachte mir nur, dass es doch eigentlich bei solchen Veranstaltungen einen Rettungsweg geben muss. Gab es nicht.
Nachdem wir die erste Absperrung passieren konnten, konnten wir ca. 300 Meter entspannt weiterlaufen, bis wir erneut anhalten mussten, da die Strecke schon wieder abgesperrt war. Jetzt wurde es einer Freundin von uns zu viel und sie wollte unbedingt umkehren. “Ich habe Angst. Die haben das hier überhaupt nicht im Griff. Stellt euch mal vor, hier bricht Panik aus.”, meinte sie.
Da ich auch nicht gerade ein Freund von Massenveranstaltungen bin und schnell Platzangst bekomme, wollte ich mit dem befreundeten Pärchen zurückgehen und mir das Spektakel entspannt vom Rand aus anschauen. Doch ich ließ mich überreden, weiterzugehen. Die beiden Freunde, die wir noch für überängstlich hielten, drehten an dieser Stelle um.
Und weiter ging’s. Bereits nach der nächsten Straßensperre wurd mir etwas mulmig, weil die Massen hinter uns, sich einfach an ein durchgelassenes Polizeiauto ranhängten, um dadurch auch noch schnell durch die Absperrung zu kommen. Sie drückten dabei auch einen Absperrzaun um.
Allerdings hätte dort noch die Möglichkeit bestanden, irgendwie über die Zäune am Rand, der Masse zu entkommen.
Mit weichen Knien ging ich weiter und sagte mir, dass ich jetzt mal “runterkommen” müsse und wir ja schon fast da seien. Als wir dann aber durch den Tunnel gingen und kurz vor dem Ziel schon wieder vor einer Absperrung warten mussten, bekam ich innerlich Panik. Der Tunnel füllte sich immer mehr mit Menschen, es war super heiß und stickig und ich war froh, wenigsten noch kurz vorher eine kalte Cola für meinen Kreislauf gekauft zu haben.
Meine Freunde merkten, dass ich Panik bekam und versuchten mich zu beruhigen. Ich sagte, dass ich hier raus muss und auch meiner Freundin wurde es jetzt zu viel. Ich schrie noch ein Pärchen an, das sich an mir vorbeidrängelte, dass es nicht weiterginge und sie aufhören sollten, nach vorne zu drängen. Der Mann meinte nur, dass sie “doch nur noch hier raus” wollten. Als uns dann auch noch auf einmal Leute von vorne (wo ja eigentlich die Absperrung sein sollte) entgegenkamen, schrie ich meine Freunde an, jetzt “da links zur Seite” abzuhauen.
Die Jungs hielten uns fest und boxten uns irgenwie an den Rand raus. Und siehe da: das war der Eingang!! Die Leute wussten gar nicht, dass man dort auf das Gelände kam. Alle hatten einfach wie bei den Absperrungen zuvor, darauf gewartet, dass es geradeaus weiterginge. Ein Freund von mir sprach den nächsten Polizisten an, um ihm zu sagen, dass es in dem Tunnel sehr gefährlich ist und die Menschen langsam Panik bekommen. “Macht doch bitte mal eine Durchsage, es weiß doch niemand, dass man hier aufs Gelände kommt. Das wird gefährlich!” Die Antwort des Polizisten war: “Jaja, ich geb’s weiter.” Arschloch!
Endlich waren wir da. Nach zweieinhalb Stunden Gequetsche. Endlich Luft. Wir atmeteten erst einmal durch, tranken einen Schluck “Cuba Libre” und schauten uns auf dem Gelände um.
Es war Platz! Man konnte problemlos überall langgehen, stehenbleiben zum Tanzen oder sich etwas zu Essen kaufen. Wir machten uns auf in Richtung Hauptbühne und ließen uns irgendwann von der guten, ausgelassenen und sehr friedlichen Stimmung anstecken.
Wir tanzten, tranken und feierten. Zwischendurch versuchten wir immer mal wieder, Fotos oder Posts bei Facebook hochzuladen, was aber nicht ging, da die Netze total überlastet waren.
Nach ca. 2 Stunden machten wir uns auf den Weg ans andere Ende des Geländes und waren super drauf. Wir fanden das Gelände toll, weil es so einen “Festival-Charakter” hatte. Als wir am Ein-/Ausgang vorbeikamen wollten wir mal kurz schauen, wie es unten im Tunnel aussieht. Ob immer noch Menschen ankamen. Aber der Tunnel war leer. Nur ein paar Krankenwagen standen dort und wir freuten uns, dass man anscheinend dann später entspannter nach Hause gehen konnte.
Gegen 19:15 Uhr schaute ich dann noch mal auf mein iPhone und wunderte mich über die zahlreichen SMS und Anrufe.
Da stand nur “Ich hab es gerade im Fernsehen gesehen. Geht’s euch gut? Meldet euch bitte!” u. Ä.
Einer der Freunde wusste es schon seit ca. 20 Minuten und hatte es absichtlich für sich behalten, damit wir keine Panik bekämen. Panik war jetzt auch das falsche Wort. Ich war geschockt, wollte es nicht glauben obwohl ich ja selbst nur Stunden zuvor noch Panik in dem Tunnel hatte. Sowas passiert doch nicht. Auf sowas sind die doch hier vorbereitet, dachte ich. Meine nächster Gedanke war, dass jetzt hier oben auf dem Gelände Panik ausbrechen wird. Aber zum Glück blieben die Leute um mich rum ruhig. Die Party lief weiter – das einzig Richtige, meiner Meinung nach. Hier und da sah man Leute, die mit weitaufgerissenen Augen auf ihr Handy starrten. Langsam wusste man, was geschehen war, weil uns die SMS von Außen erreichten.
Die Menschen blieben zum Glück trotzdem ruhig.
Wir blieben noch ca. 2 Stunden auf dem Gelände, weil es unsere Meinung nach das Sichersten war. Wir beantworteten die SMSen, riefen Freunde und Familie an, um zu sagen, dass es uns gut ginge.
Als es dunkel wurde und das Gelände sich langsam leerte, machten auch wir uns auf den Weg nach Hause. Zum Glück verlief der Heimweg ohne weiteres Gedränge.
Zuhause angekommen, schauten wir uns die Bilder, Nachrichten und Augenzeugenberichte im Fernsehen und Internet an und konnten es immer noch nicht fassen.
Irgendwann gingen wir alle schlafen, aber bereits um 4 Uhr morgens war ich hellwach und konnte nicht mehr weiterschlafen. Der Schock hatte nachgelassen und mir wurde das ganze Ausmaß erst richtig bewusst. Auch wie viel Glück wir gehabt haben!
Ich fasse bis jetzt noch nicht, dass so etwas Schlimmes in “meiner Stadt” passiert ist. In dem Tunnel, durch den ich so oft gefahren bin, um zur Schule etc. zu kommen. Dass Menschen, die genau wie wir nur aus Neugierde und Spaß zu dieser Veranstaltung gehen wollten jetzt tot sind. Wie viel Leid jetzt unter den Angehörigen herrscht. Wie sinnlos das ganze ist. Dass Leben gelassen wurden, um zu einer Party zu gehen.
Ich hoffe, dass ich die Bilder, die ich zum Glück nicht live, sondern “nur” im Internet gesehen habe, bald verblassen. Dass die Angehörigen Kraft finden, um zu verarbeiten, was man nicht begreifen kann. Und dass es zumindest ein Signal für die Zukunft ist, solche Veranstaltungen unter derart schlechten Bedingungen nicht mehr durchführen zu dürfen.
Danke Sarah, Lukas und Randolf, dass ihr auf mich “aufgepasst” habt.